15. Juli 2026

AKTUELLES

Ambulantisierung als strategischer Wettbewerbsfaktor: Warum Krankenhäuser jetzt umdenken müssen

Die Krankenhausreform wird in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem mit neuen Leistungsgruppen und veränderten Finanzierungsstrukturen verbunden. Ein mindestens ebenso bedeutsamer Aspekt rückt dabei häufig in den Hintergrund: die zunehmende Verlagerung stationärer Behandlungen in den ambulanten Bereich. Dieser Paradigmenwechsel verändert die Versorgungslandschaft grundlegend. Für Krankenhäuser, die diese Entwicklung verschlafen, entsteht ein erheblicher Wettbewerbsnachteil, der sich in den kommenden Jahren weiter verstärken wird.

 

 

Die Reform ist ohne Ambulantisierung nicht umsetzbar

 

Die Ambulantisierung ist kein ergänzendes Element der Krankenhausreform, sondern bildet deren Fundament. Experten aus dem Gesundheitswesen weisen seit Längerem darauf hin, dass die angestrebten Ziele der Reform – mehr Spezialisierung, wirtschaftlichere Strukturen und die Bewältigung des Fachkräftemangels – ohne eine massive Verlagerung in den ambulanten Sektor nicht realisierbar sind.1 Würde man versuchen, die geforderte Leistungskonzentration allein durch die Verlagerung von Fällen von kleinen auf große Häuser zu erreichen, entstünde dort ein enormer Investitionsstau. Die Ambulantisierung hingegen reduziert den Bedarf an aufwendiger technischer Infrastruktur und Personalvorhaltung. Die gesundheitspolitischen Zielsetzungen sehen vor, bis zum Ende des Jahrzehnts einen erheblichen Teil der heutigen stationären Fälle ambulant zu erbringen2. Krankenhäuser, die sich dieser Entwicklung verweigern, werden zwangsläufig Marktanteile verlieren.

 

 

Hybrid-DRGs als Treiber der Entwicklung

 

Ein zentrales Steuerungsinstrument für diesen Wandel sind die Hybrid-DRGs, die eine einheitliche Vergütung für identische Leistungen unabhängig vom Erbringungsort vorsehen. Krankenhausträger verweisen auf unzureichende Vergütungssätze, unscharfe Kalkulationsgrundlagen und mögliche Fehlanreize. Es besteht die Sorge, dass Krankenhäuser bestimmte Leistungen nicht mehr wirtschaftlich erbringen können und Patienten deshalb mit Wartezeiten rechnen müssen. Aus Sicht der Krankenhausgesellschaften gefährden die Hybrid-DRGs in ihrer jetzigen Form die Planungssicherheit der Häuser und destabilisieren deren wirtschaftliche Basis.3
Dennoch wäre es strategisch kurzsichtig, sich ausschließlich auf diese Systemkritik zurückzuziehen. Die Weiterentwicklung dieser Vergütungsformen ist absehbar, und die Krankenhausverbände selbst bringen mit Modellen wie den Kurzlieger-DRGs bereits konstruktive Alternativen ins Spiel. Entscheidend ist, dass diese neuen Vergütungsformen die starren Grenzen zwischen stationärer und ambulanter Versorgung aufweichen. Krankenhäuser, die heute nicht damit beginnen, ihre Prozesse, ihr Controlling und ihre Infrastruktur auf kürzere Verweildauern und ambulante Leistungserbringung auszurichten, werden morgen wirtschaftliche Probleme bekommen. Sie geraten in eine prekäre Situation zwischen den hohen Kosten der stationären Vorhaltung und den Effizienzanforderungen des ambulanten Arbeitens.

 

 

Die sektorenübergreifende Versorgungseinrichtung als Zukunftsmodell

 

Das langfristige Leitbild der Gesundheitsversorgung geht über das klassische Krankenhaus mit seiner rein stationären Ausrichtung hinaus. Im Fokus steht zunehmend die sektorenübergreifende Versorgungseinrichtung, die stationäre, ambulante und pflegerische Leistungen integriert anbietet. Damit soll eine wohnortnahe Grundversorgung sichergestellt werden, die sich an den Bedürfnissen der Patienten orientiert. Die Krankenhausverbände fordern hierzu entsprechende rechtliche Rahmenbedingungen, die den Häusern mehr unternehmerische Freiheit bei der ambulanten Leistungserbringung einräumen4.
Krankenhäuser, die dieses Zielbild ignorieren, bleiben in überkommenen Denkmustern verhaftet. Die Ambulantisierung ist deshalb auch eine Frage der strategischen Ausrichtung und der Unternehmenskultur. Bei der Ambulantisierung handelt es sich nicht nur um ein reines Versorgungskonzept, sondern um eine grundlegende strategische Aufgabe der Krankenhausführung. Erforderlich ist ein Perspektivenwechsel, der nicht mehr die Bettenzahl, sondern eine patientenzentrierte, sektorenverbindende Versorgung in den Mittelpunkt stellt. Dies muss sich in der baulichen Entwicklung ebenso niederschlagen wie in der Personalplanung und im Führungsverständnis.

 

 

Die Risiken strategischer Passivität

 

Beobachtungen des deutschen Gesundheitsmarkts zeigen, dass bislang nur eine Minderheit der Krankenhäuser über eine ausgearbeitete Strategie für die Ambulantisierung verfügt. Viele Einrichtungen verharren in operativen Einzelmaßnahmen, ohne das Thema strategisch, organisatorisch und infrastrukturell ganzheitlich anzugehen. Wer jetzt nicht in den Aufbau ambulanter Strukturen, in Kooperationen mit niedergelassenen Ärzten und in effiziente Prozesssteuerung investiert, wird in den kommenden Jahren feststellen, dass andere Anbieter ihm die wirtschaftlich attraktiven Leistungsbereiche und die kurzen Behandlungsfälle abgenommen haben. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen und wirtschaftlichen Anreize werden sich weiter in Richtung Ambulantisierung verschieben. Krankenhäuser, die dann noch überwiegend stationär denken, werden doppelt bestraft: durch hohe Vorhaltekosten bei gleichzeitig sinkenden Fallzahlen.

 

 

Fazit

 

Die Kritik an manchen Umsetzungsdetails der Ambulantisierung ist berechtigt. Unzureichende Datengrundlagen und Versorgungsrisiken für bestimmte Patientengruppen, insbesondere im ländlichen Raum, müssen ernst genommen werden. Vertreter der Krankenhäuser warnen davor, dass manche politische Vorstellungen von den Möglichkeiten ambulanter Behandlungen überzogen, sind5. Diese Einwände entbinden die Krankenhausführungen jedoch nicht von der Verantwortung für strategische Voraussicht. Die Ambulantisierung ist das zentrale Vehikel der Krankenhausreform. Wer in ihr nur zusätzliche Bürokratie sieht, anstatt die Chancen für eine Neuausrichtung des eigenen Hauses zu erkennen, wird langfristig nicht wettbewerbsfähig bleiben. Die Zukunft gehört den Häusern, die heute damit beginnen, ihre stationären Strukturen zugunsten flexibler, sektorenübergreifender Versorgungsformen weiterzuentwickeln.

 

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1 Ambulantisierung als Erfolgsfaktor für die Krankenhausreform – IGES warnt vor Hybrid-DRG-Fehlanreizen » medconweb
2 Ambulantisierung als Erfolgsfaktor für die Krankenhausreform – IGES warnt vor Hybrid-DRG-Fehlanreizen » medconweb
3 Krankenhausgesellschaft legt Ideen zur Weiterentwicklung der Ambulantisierung vor – News – Deutsches Ärzteblatt
4 Krankenhausgesellschaft legt Ideen zur Weiterentwicklung der Ambulantisierung vor – News – Deutsches Ärzteblatt
5 DKG startet Kampf um Deutungshoheit über „Ambulantisierung“

 

 

 

 

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