OPERATION ZUKUNFT
Die Krankenhausreform unter dem Skalpell
02.12.25 Krankenhausreform:
Neue Studie zeigt zentrale Erwartungen und konkrete Handlungsfelder für eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung.
Mit dem Start der Krankenhausreform hat die Bundesregierung einen tiefgreifenden Wandel im deutschen Gesundheitswesen angestoßen. Doch wie bewerten die maßgeblichen Akteure die Chancen und Risiken der Reform und bringt sie uns einer zukunftsfähigen Gesundheitsversorgung tatsächlich näher?
Diesen Fragen geht die neue Multiperspektivenstudie zur Krankenhausreform nach, welche Perspektiven von zentralen Akteuren wie Klinikleitungen, Kostenträgern, Verbänden, Politik und weiteren Experten analysiert. 50 qualitative Interviews, die über ein innovatives Befragungsverfahren erhoben wurden, zeigen einerseits drei grundsätzlich verschiedene Idealvorstellungen, andererseits jedoch fünf effektive Handlungsfelder, die diesen drei Idealvorstellungen gerecht werden.
Drei klare Perspektiven
Die Analyse zeigt drei deutlich unterscheidbare empirische Gruppen mit jeweils eigenen Vorstellungen und Prioritäten, welche Themen der Krankenhausreform für die zukunftsfähige Krankenhauslandschaft essenziell sind.
- Gruppe 1: verlässliche Daseinsvorsorge
- Gruppe 2: hochwertige Behandlung
- Gruppe 3: zukunftsfähige Strukturen
Was sie verbindet: eine starke Kritik am aktuellen Zustand, der als fragmentiert und ineffizient wahrgenommen wird – verbunden mit der klaren Forderung nach Veränderung. Was sie trennt: die Schwerpunktsetzung, was eine ideale Gesundheitsversorgung ausmacht.
Je näher am Klinikalltag, desto größer die Skepsis
Die Studie zeigt zudem, dass die patientennahen Akteursgruppen „Klinikleitung & Klinikverbände”, aber auch „Medizin & Pflege” die Krankenhausreform eher kritisch sehen, während aus der Perspektive der Gruppen „Versicherungen & Sozialverbände”, aber auch „Politik & Ministerien” sowie „externe Fachexpertise” die Krankenhausreform eher positiv erscheint.
Fünf Handlungsfelder im Fokus
Der Zielkonflikt der drei Perspektiven hinsichtlich einer idealen Gesundheitsversorgung wird durch die Krankenhausreform nur zum Teil aufgelöst. In der Studie lassen sich fünf zentrale Handlungsfelder identifizieren. Sie betreffen zum einen Themen, die in der Reform bislang unzureichend berücksichtigt wurden, und spiegeln zum anderen Schnittmengen der drei Idealvorstellungen wider – Bereiche also, denen eine besondere Relevanz zukommt und die eine entsprechend hohe Hebelwirkung entfalten:
1. Bürokratieabbau und Stärkung der Eigenverantwortlichkeit: Die Erwartungen wurden bislang enttäuscht – statt Abbau erleben viele Akteure lediglich eine Verschiebung der Bürokratie.
2. Versorgungssicherung: Hier wird insbesondere von der Gruppe „verlässliche Daseinsvorsorge“ das große Risiko gesehen, dass die Reform auf Kosten der heute weitestgehend gegebenen Versorgungssicherheit geplant wird.
3. Förderung der Krankenhausinfrastruktur: Die Reform bietet hier einen großen Fördertopf – doch ob die Fördermittel ausreichen und tatsächlich dort ankommen, wo es sinnvoll ist, scheint fraglich.
4. Patientensteuerung am Krankenhaus: Hier bleiben strukturelle Impulse bislang aus, gleichzeitig stellt die Patientensteuerung – sowohl innerhalb einzelner Häuser als auch standortübergreifend – schon heute eine wichtige und notwendige Handlungsoption dar, die nicht zwingend auf gesetzliche Anpassungen angewiesen ist.
5. Sektorenübergreifende Steuerung: Zwar nimmt die Krankenhausreform das vorherrschende Silodenken als Problem auf, doch sind diese Ansätze nicht ausgereift und es zeigt sich erneut mehr „Stückwerk“ als verbindliches Gesamtkonzept – beispielhaft seien fehlende Eckpunkte zu Sektorenübergreifenden Versorgungszentren wie auch das strikte Ausklammern der Bereiche Prävention, Reha und Nachsorge genannt.
Strukturqualität und Gesamtblick als Schlüssel
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung: Die größte Hebelwirkung für eine tragfähige Reform liegt im Dreiklang aus sektorenübergreifender Versorgung, intelligenter Patientensteuerung sowie Sicherstellung der Förderung der Krankenhausinfrastruktur. Insbesondere die sektorenübergreifende Versorgung wird von nahezu allen Akteursgruppen als entscheidender Hebel benannt – bleibt aber im aktuellen Reformprozess unterrepräsentiert. Würde dieses Thema in den Fokus genommen, hätte dies für die meisten anderen Bereiche einen starken positiven Abstrahleffekt.
Die jüngste Bundesratsdebatte zum Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) hat diese Leerstelle deutlich adressiert: Gefordert wurden Nachbesserungen bei medizinisch-pflegerischer Versorgung, Leistungsspektrum, Qualitätsanforderungen und finanzieller Absicherung neuer Versorgungsstrukturen. Die Diskussionen unterstreichen, dass es in diesem zentralen Reformfeld bislang an grundlegenden Voraussetzungen fehlt.
Fazit: Reform hätte Potenzial – aber ohne Kompass bleibt Orientierungslosigkeit
Die Studie macht deutlich: Die Krankenhausreform wird in ihrer aktuellen Ausgestaltung hinsichtlich einzelner Maßnahmen begrüßt – etwa der Förderung der Infrastruktur – doch fehlt die kohärente Gesamtstrategie. Vielleicht liegt das Problem bereits im Namen KRANKENHAUS-Reform – wo sie doch nicht nur die Kliniken betrifft, sondern vielmehr sektorübergreifend gedacht werden müsste.
Zu Methodik
Der nextexpertizer ist ein innovatives Verfahren, das entwickelt wurde, um kollektive Bedeutungsstrukturen in sozialen Systemen sichtbar zu machen. Aufbauend auf der Theorie der persönlichen Konstrukte von George Alexander Kelly kombiniert der nextexpertizer qualitative und quantitative Ansätze, um individuelle Wahrnehmungen zu einem übergreifenden kollektiven Verständnis zu verdichten. Ziel ist es, die gemeinsamen Bedeutungsstrukturen, die das kollektive Handeln steuern, präzise zu erfassen und für strategische Entscheidungen nutzbar zu machen.
Weitere Informationen
Eine Management Summary, die Ergebnispräsentation als Video und als PDF Download finden sich auf der eingerichteten Studienseite: https://nextpractice.net/Krankenhausreform
Studienleitung
André Sobieraj Fred Andree
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